Schienenverkehr statt Schifffahrt: Die neue Strategie der Logistikriesen
In der Welt der Logistik tut sich gerade eine Menge. Die großen Schifffahrtsunternehmen haben wohl genug von den unberechenbaren Seewegen und steuern nun verstärkt auf die Schiene um. Laut Les Echos vom 1. November 2023 investieren Reedereien wie MSC und CMA CGM in den Schienenverkehr, um ihre Geschäftstätigkeiten von Containertransporten zwischen den Seehäfen auf umfassendere Speditionsdienstleistungen auszuweiten. Ein kluger Schachzug, schließlich ist der Wettbewerb in diesen Gewässern intensiver denn je.
Die europäischen Unternehmen sind darauf bedacht, ihre eigenen Schienennetze aufzubauen. So haben sie die Kontrolle über Transportkapazitäten, Lieferzeiten und Frachtraten fest im Blick. Jüngst hat CMA CGM ein Containerschiff an den Umschlagplatz East-West Gate in Fényeslitke, Ungarn, geliefert. Ein strategischer Standort für den Fernverkehr zwischen China und Europa, der im Rahmen der Neuen Seidenstraße von Bedeutung ist. Das alles geschieht nicht ohne Grund: Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zwingt die Firmen, ihre Strategien anzupassen und Abhängigkeiten von riskanten Schifffahrtsrouten im Schwarzen Meer zu verringern.
Die Schiene als neue Lebensader
Die Expansion in den Schienenverkehr ist für MSC und CMA CGM mehr als nur ein Trend – sie setzen auf die Übernahme des Binnengüterverkehrs. MSC hat sich sogar in den französischen Eisenbahnsektor über die Tochtergesellschaft Medway eingekauft. Darüber hinaus plant die Reederei, spezielle Containerschifffahrtsdienste entlang des Mittelmeer-Flusskorridors zu entwickeln. Im Jahr 2023 wurde MSC Partner in einem Joint-Venture-Projekt mit Renfe in Spanien, doch die Genehmigung hängt noch von einer Entscheidung der spanischen Regierung ab.
Interessanterweise hat CMA CGM kürzlich Freightliner UK erworben, um die inländischen Transportrouten in Großbritannien zu stärken. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Markt entwickeln wird, vor allem, da auch DB Cargo UK zum Verkauf steht und das Interesse von mehreren Investoren geweckt hat. Der Trend zur Investition in die Eisenbahn zeigt deutlich, dass die Branche auf ein integriertes Logistikdienstleistungsmodell umschwenkt – ein kluger Schachzug in Zeiten volatiler Seewege.
Neue Routen durch die Arktis
Doch während die Schiene aufblüht, gibt es auch aufregende Nachrichten aus der Schifffahrt: Ein chinesisches Containerschiff, die „Dubai Tower“, hat den Hafen Ningbo verlassen und ist auf dem Weg nach Europa. Die Route durch die Arktis ist nicht nur schneller, sie verspricht auch, die alten Handelswege auf den Kopf zu stellen. Die Ankunft in Großbritannien ist für den 7. September geplant, und das Schiff wird zuerst Felixstowe anlaufen, gefolgt von Hamburg und Gdynia in Polen. Die Arktisroute ist doppelt so schnell wie die traditionelle Route durch den Suezkanal und umgeht das Rote Meer, das seit dem Konflikt zwischen den USA und dem Iran immer wieder Ziel von Angriffen auf Tanker wird.
Peking plant zudem eine „Polar-Seidenstraße“, um den Zugang zur Arktis und den Handel mit Europa zu verbessern. Die Schifffahrt durch diese Regionen ist allerdings nur während der Sommermonate möglich, wenn das Eis schmilzt. Seit den ersten Durchfahrten im Jahr 2018 hat sich der Schiffsverkehr durch die Arktis stark erhöht – im letzten Jahr waren es bereits 23 Durchfahrten. Dennoch warnen Umweltschützer davor, dass der erhöhte Schiffsverkehr das Schmelzen des arktischen Eises beschleunigen könnte. Merkwürdigerweise haben mehrere Reedereien, darunter Hapag-Lloyd, MSC und CMA CGM, angekündigt, diese Routen vorerst zu meiden.
Ein komplexes Netz der Logistik
Die weltweite Containerschifffahrt ist und bleibt ein zentraler Bestandteil der globalen Transportkette. Über 90 Prozent aller weltweit produzierten Waren werden zumindest teilweise mit Containerschiffen transportiert. Die Kapazität der weltweiten Flotte hat im Jahr 2023 einen neuen Rekord erreicht mit rund 330 dwt (deadweight tonnage). Die Transporte sind mittlerweile so effizient organisiert, dass man sie fast mit einem autonomen Warenlager vergleichen könnte.
Der Trend geht eindeutig dahin, die gesamte Lieferkette vom Hersteller bis zum Einzelhandel bis 2025 abzubilden. Doch es gibt auch Herausforderungen: Der Markt verlangt nach Kosteneffizienz und Einsparungen von Treibhausgasen. Fragen zu den größten Akteuren im Markt und wie sie Klimaneutralität bis 2050 erreichen wollen, stehen im Raum. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es spannend zu beobachten, wie sich die Logistiklandschaft weiter verändern wird.
