Die Vorfreude auf die täglichen Pendelzüge von Berlin nach Wolfsburg hat sich in den letzten Monaten in Frustration verwandelt. Einmal gemütlich im Zug sitzen und in einer Stunde die Arbeitsstätte erreichen? Das war einmal. Jetzt sind es drei Stunden, die die Reisenden auf sich nehmen müssen, während die Deutsche Bahn eine Generalsanierung der Ost-West-Achse zwischen Hannover und Berlin durchführt. Die Sanierung ist nicht einfach nur eine Baustelle – es handelt sich um die zweitgrößte Korridorsanierung im deutschen Bahnnetz. Und das bleibt nicht ohne Auswirkungen. Pendler müssen bis Dezember 2027 mit dieser verlängerten Reisezeit leben.

214 Weichen, 357 Kilometer neue Gleise und 100 Kilometer Oberleitungen – das klingt nach einem Mammutprojekt, nicht wahr? Sebastian Donath, der Projektleiter, versichert, dass man im Zeitplan liegt und der östliche Abschnitt bis zur Mitte Dezember 2026 fertiggestellt sein soll. Doch die Realität zeigt sich oft anders. Fernreisende müssen sich auf eine um 80 Minuten verlängerte Fahrtzeit zwischen Berlin und Hannover einstellen. Die Züge nehmen Umwege über Braunschweig und Magdeburg, was die Sache nicht gerade einfacher macht. Pendler nach Wolfsburg müssen zudem auf Regionalzüge umsteigen, da die Elektrifizierung der Ausweichstrecke sich um ein weiteres Jahr verzögert. Lukas Iffländer vom Fahrgastverband Pro Bahn hat Bedenken – nicht nur um die Pendler, sondern auch um deren Lebenskonzepte.

Die Auswirkungen auf Beschäftigte und Güterverkehr

Der VW-Betriebsrat hat ebenfalls Alarm geschlagen. Die Auswirkungen auf die Beschäftigten sind beträchtlich, und viele von ihnen arbeiten mittlerweile im Homeoffice, um den unzumutbaren Reisebedingungen zu entkommen. Und was ist mit den Anschlusszügen und Bussen? Der Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert, dass diese oft nicht aufeinander abgestimmt sind, was die Pendler zusätzlich belastet. Ein Lichtblick? Die Bahn plant, das Ersatzverkehrskonzept besser mit den Betreibern abzustimmen.

Doch nicht nur die Pendler sind betroffen. Auch der Güterverkehr leidet unter der Sanierung. Umleitungen führen zu zusätzlichen Kosten, die sich pro Güterzug auf etwa 603 Euro addieren. Umleitungen über Magdeburg bringen 42 zusätzliche Kilometer mit sich. Ab Januar 2027 soll eine weitere Route über Halle zur Verfügung stehen – allerdings mit einem Umweg von 80 Kilometern und Mehrkosten von rund 1149 Euro pro Fahrt. Diese Kosten werden von den Eisenbahnverkehrsunternehmen getragen. Eine echte Herausforderung für alle Beteiligten.

Die langfristige Strategie der Sanierungen

Die Generalsanierung ist Teil eines größeren Plans, den die Bundesregierung und DB InfraGO ins Leben gerufen haben. Zwischen 2024 und 2035 sollen über 4000 Streckenkilometer umfassend instand gesetzt werden – und das nicht ohne Grund. Der Anteil der Bahn am Warentransport soll bis 2030 von 18,3 % auf 25 % erhöht werden, nachdem die Pünktlichkeit im Personenfernverkehr 2022 von 80,9 % im Januar auf unter 60 % in den Sommermonaten gefallen ist. Chaos im Güterverkehr mit 41,6 % der Güterzüge verspätet ist da nur das Sahnehäubchen.

Verkehrsminister Volker Wissing hat die Sanierung des Bahnnetzes zur Chefsache gemacht. Die grundlegende Sanierung des Schienennetzes soll 2024 starten und in ein Hochleistungsnetz münden, das bis 2030 angestrebt wird. Dabei wird die Pünktlichkeit und Verlässlichkeit des Zugverkehrs im Vordergrund stehen. Ein 5-Punkte-Plan sieht unter anderem die Reduzierung der Korridorsanierungen von 21 auf 13 von 2027 bis 2031 vor. Das alles klingt gut, aber ob es wirklich die erhofften Verbesserungen bringt, bleibt abzuwarten.

Ein Pilotprojekt, die Sanierung der Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt am Main, wird ab dem 15. Juli 2024 mit einer Vollsperrung beginnen. Die Kosten werden auf etwa 500 Millionen Euro geschätzt. Damit sollen Gleise, Lärmschutzwände und die gesamte Technik erneuert werden. Aber die Frage bleibt: Wie werden die Pendler und Güterverkehrsbetriebe auf all diese Veränderungen reagieren? Man kann nur hoffen, dass die Bahn aus den Erfahrungen lernt und die Probleme in den Griff bekommt.